Summwald
Eine Band aus Frontmännern & Die stumme Sängerin
Eine Band aus Frontmännern
Die stumme Sängerin
Eine Band aus Frontmännern
In der Astgabel, wo der Ast blank ist und kein einziges Blatt hängt, saßen die Waldohren und probten. Sie probten jede Nacht, und sie probten immer gleich: alle auf einmal, alle so laut, wie es überhaupt ging. Die Größte brüllte eine Zeile. Die Kleinste brüllte dieselbe Zeile darüber. Die mit dem schiefen Federohr brüllte etwas völlig anderes, und die Vierte brüllte „ICH BIN AUCH NOCH DA“. Es klang wie vier Lieder gleichzeitig, und keins davon war leise.
Unten in der Astlochtür standen Gruvi und Fanki. Gruvi hatte das kleine runde Holzradio in der Pfote, das gerade so hineinpasste, und Fanki hielt schon die Schwanzspitze in die Luft, so wie immer, wenn im Wald etwas passieren könnte, das man später noch einmal hören will. „Die müssten wir aufnehmen“, sagte Gruvi. Fanki ließ die Spitze wieder sinken. „Und was denn davon? Da ist kein Lied. Da ist ein Haufen.“
Also kletterten die beiden hinauf. Die Waldohren freuten sich sofort, denn sie freuten sich immer, und sie freuten sich laut. „BESUCH!“, brüllten alle vier gleichzeitig, und Gruvis Ohren klappten nach hinten. „Wir haben eine Frage“, sagte Gruvi. „WIR AUCH!“, brüllte die Kleinste. „Ihr habt keine Frage“, sagte Fanki. „NEIN!“, brüllte die Kleinste zufrieden.
„Warum singt ihr eigentlich alle gleichzeitig?“, fragte Gruvi. Da wurde es zum ersten Mal in dieser Nacht ein winziges bisschen ruhiger, weil alle vier gleichzeitig antworten wollten und deshalb kurz durcheinanderkamen. Dann hatten sie es sortiert und brüllten es zusammen: „WEIL WIR ALLE SÄNGER SIND.“ Sie meinten das vollkommen ehrlich. Es war ihnen noch nie in den Sinn gekommen, dass es in einer Band auch etwas anderes geben könnte.
Gruvi probierte es trotzdem. „Einer nach dem anderen“, sagte Gruvi. „Du fängst an, dann du, dann du, dann du.“ Die Größte fing an. Die Kleinste hielt zwei Silben durch und fiel dann mit ein. Danach fielen alle ein. Es dauerte ungefähr so lange, wie man braucht, um bis drei zu zählen, wenn man sich beeilt. Gruvi legte das Radio neben sich auf den Ast, wo es erst einmal liegen blieb.
„Dann stimmt eben ab“, sagte Fanki. „Wer ist heute Nacht der Sänger?“ Die Waldohren fanden die Idee großartig und stimmten sofort ab. Jede stimmte für sich selbst. Es stand vier zu null, viermal, gleichzeitig. Weiter oben im Kistenturm drehte Karla Kauz den Kopf ganz herum, ohne sich umzudrehen, schob die Lesebrille von der Stirn und sagte in die Nacht hinein: „Ich arbeite hier.“ Dann drehte sie den Kopf wieder zurück. Niemand hörte sie, und ehrlich gesagt hatte sie damit auch gerechnet.
Gruvi setzte sich auf den blanken Ast und dachte nach. Fanki setzte sich daneben und dachte schneller. „Gruvi“, sagte Fanki, „wir machen es falsch herum. Wir versuchen die ganze Zeit, dass eine aufhört. Es hört aber keine auf. Das ist keine Panne, das sind sie.“ Gruvi schaute Fanki an. „Und dann?“ „Dann hört auch keine auf“, sagte Fanki. „Dann kriegt jede noch etwas dazu.“
Sie holten alles, was der Baum hergab. Das Nussschalen-Klangspiel vom Zweig, das im Wind sowieso nur klapperte. Zwei von Hugos Brettern, die Hugo ohne Murren abgab, weil ihm das Tragen an diesem Abend eh zu viel war. Daniels Schaufel, ausgeliehen und ausdrücklich nur für diese Nacht. Und von den Ameisen die Basstrommel am Riemen, gegen das Versprechen, sie vor dem ersten Termin zurückzubringen.
Dann teilten sie aus. Die Größte bekam die Basstrommel, weil die Größte sowieso immer den Boden gemeint hatte. Die Kleinste bekam das Klangspiel, weil die Kleinste am schnellsten war. Die mit dem schiefen Federohr bekam die Bretter, und die Vierte bekam die Schaufel und schaute sie an, als hätte man ihr den ganzen Wald geschenkt. „Und singen?“, brüllte die Größte misstrauisch. „Singt weiter“, sagte Gruvi. „Alle. Die ganze Zeit.“
Der erste Versuch war furchtbar. Der zweite war schlimmer. Beim dritten passierte etwas Merkwürdiges: die Basstrommel war so laut, dass die Größte gegen sie ansingen musste, und die Kleinste hörte plötzlich, wo die Größte war, weil man eine Trommel leichter findet als eine Stimme. Klapper kam dazu. Bretter kamen dazu. Die Schaufel kam als Letztes und traf ausgerechnet genau richtig.
Denn es waren immer noch alle vier gleichzeitig laut. Aber jetzt hörte man jede einzelne. Die Trommel unten, das Klapperzeug oben, die Bretter dazwischen, die Schaufel als das, was in keiner ordentlichen Band vorkommt und trotzdem gebraucht wird. Fanki stellte sich mitten hinein und hielt die helle Schwanzspitze hoch in den Krach, und Gruvi hielt das kleine Radio dazu. Da wurden Gruvis Augen rund wie Plattenteller und Fankis Augen zu Diskokugeln, denn diesen Klang hatte es vorher nirgends gegeben, und ab jetzt gab es ihn immer. In den Ästen sammelte sich die Lichtcrew und blinkte einmal für ja, alle im selben Moment.
Als es vorbei war, sah die Astgabel aus wie ein umgekippter Kasten: Bretter quer, Schaufel im Moos, das Klangspiel verheddert, und die Basstrommel lag da, wo sie hingerollt war. Oben im Kistenturm hörte Karla Kauz drei Takte zu, sagte nichts und ließ die Lesebrille, wo sie war. „Das räumt sich nicht von selbst weg“, sagte Fanki und schaute den Haufen an, so wie man einen Gegner anschaut. Die Waldohren schauten den Haufen auch an. Dann holten sie ganz tief Luft. „GUTE NACHT!“, brüllten sie, alle vier gleichzeitig, ohne Takt, ohne Instrument und ohne die geringste Rücksicht. „Psssssst“, machten alle anderen. Ein Gruß ist eben kein Lied.
Die stumme Sängerin
Am Abend darauf wachte Frida Fledermaus auf. Sie hing kopfüber in der Spechthöhle, schob die winzige Sonnenbrille hoch und schaute hinaus. „Der Baum steht heute wieder falsch herum“, sagte Frida. „Unten ist Himmel.“ Dann drehte sie auf. Frida machte Musik, und zwar viel und gern und mit geschlossenen Augen. Man sah es an den Flügeln. Man hörte nur nichts, kein einziges Fitzelchen, weil Frida so hoch ruft, dass es für alle anderen einfach nicht da ist.
Gruvi und Fanki standen unter der Höhle und schauten hinauf. In der Sammlung im Rindenregal lag inzwischen fast alles: die Ameisen im Marsch, Theos Takt, die Waldohren von gestern Nacht. Nur Frida fehlte, und Frida fehlte schon lange. „Heute holen wir sie“, sagte Gruvi und hielt das kleine runde Holzradio hoch. Fanki hielt die helle Schwanzspitze in die Luft, ganz nah an Fridas Flügel, und wartete.
Sie warteten ziemlich lange. Fanki schaute an sich herunter, dann auf die Spitze, dann Gruvi an. „Nichts“, sagte Fanki. „Gar nichts. Nicht mal ein bisschen nichts.“ Frida hörte auf und schaute die beiden verkehrt herum an. „Ihr habt die Ohren am falschen Kopfende“, sagte sie freundlich, und weil sie sich freute, fügte sie hinzu: „Falschen falschen.“
Also probierten sie es lauter. Frida sang so fest sie konnte, mit Anlauf, mit Schwung, mit beiden Flügeln. Fanki hielt die Schwanzspitze direkt davor. Auf der Platte war danach genau das, was vorher darauf war, nämlich nichts. Gruvi drehte das Radio in der Pfote herum und schaute es an, als könnte man ihm etwas ansehen. Man konnte nicht.
„Dann machen wir es eben nach“, sagte Fanki, und die beiden sangen Fridas Lied, so gut man ein Lied nachsingt, das man noch nie gehört hat. Es wurde ein sehr schiefes Lied. Frida hing daneben und schüttelte den Kopf, was kopfüber aussieht wie Nicken, weshalb die beiden erst weitersangen und dann doch aufhörten. „Das war meins nicht“, sagte Frida. „Das war eures.“
Frida machte gar kein trauriges Gesicht dabei. Frida machte nie ein trauriges Gesicht. Sie stand auch nie am Rand: wenn irgendwo gespielt wurde, kam sie dazu und stieg mit ein, ungefragt und ungehört, jedes Mal. „Ist doch egal“, sagte sie. „Ich singe sowieso bei allem mit.“ Und genau in dem Moment kam Gruvi die Idee, und zwar so plötzlich, dass Gruvi erst mal gar nichts sagte.
„Wir machen es andersherum“, sagte Gruvi endlich. „Nicht du kommst zu unserer Musik. Wir kommen zu deiner.“ Und dann liefen sie los und holten alle. Theo, die Ameisen, Hugo, Daniel, die Fiedelmäuse, sogar die Waldohren, die sofort brüllten, dass sie unbedingt dabei sein wollten, und zwar in voller Lautstärke, was den Rest der Erklärung ziemlich schwierig machte.
Sie machten eine Disco, in der niemand dieselbe Musik hörte. Theo klopfte seinen Takt und tanzte dazu. Die Ameisen marschierten ihren Marsch. Die Waldohren brüllten ihres. Hugo schwankte langsam von einem Bein aufs andere, was bei Hugo als Tanz durchgeht. Und mittendrin hing Frida kopfüber und tanzte zu dem, was nur sie hören konnte. Von außen sah es aus wie ein ganzer Wald voller Tiere, die alle etwas völlig anderes machten und dabei sehr zufrieden aussahen.
Otto Ohrwurm kroch aus dem Stamm, schob die viel zu große Brille zurecht und sah sich das eine Weile an. „Genau genommen“, sagte Otto, „tanzt hier jeder ganz allein.“ Pause. „Und zwar alle zusammen.“ Dann kroch er wieder hinein, ehe ihn jemand fragen konnte, was das jetzt wieder heißen sollte.
Und dann kam es. Niemand hatte es angesagt, niemand hatte gezählt. Die Füße machten es allein. Bumm ging es unter Hugo, bumm unter den Waldohren, und irgendwann trafen sich die Bumms, weil der Boden sie zurückgab und weil ein Boden nicht vier verschiedene Takte gleichzeitig aushält. Gruvi spürte es zuerst in den Sohlen und stand ganz still. Oben tanzte Frida weiter, und ihre Flügel gingen genau im selben Takt.
Fanki drehte sich um, ging in die Hocke und hielt die helle Schwanzspitze nicht mehr in die Luft, sondern auf den Boden. Gruvi legte das kleine Radio daneben ins Moos. Und diesmal wurde die Platte nicht leer. Als die Lichtcrew über allen einmal blinkte für ja, blinkte sie im selben Takt wie die Füße, und Fankis Augen waren längst zwei Diskokugeln, obwohl kein Mensch hätte sagen können, wo hier eigentlich die Musik lief.
Später lag die neue Platte im Rindenregal, und sie war die merkwürdigste der ganzen Sammlung. Man legte sie auf, und man hörte nichts. Man legte die Pfote darauf, und man spürte alles. „Meine meine“, sagte Frida und hing dabei so gerade, wie eine Fledermaus nur hängen kann. In der Astgabel holten die Waldohren tief Luft. „GUTE NACHT!“, brüllten sie, alle vier gleichzeitig. „Psssssst“, machten alle anderen. Und ganz oben in der Spechthöhle sang Frida noch eine Weile weiter, und der Boden wusste als Einziger davon.